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Es gibt einen Vorläufer des Internet, an dem sich zeigen lässt, was aus einem Kommunikationssystem wird, in dem sich jeder anonym betätigen kann und soziale Kontrolle damit wegfällt: das BTX-System der alten Bundespost. In seinen Foren konnte man sich anonym betätigen. Und brauchte man eine Netikette nur beachten, wenn man das wollte.

Auf Freiwilligkeit beruhende Regeln haben halt nur den Nachteil, dass sie nur für die Willigen gelten und den Unwilligen und Trollen, die sich davon nicht begrenzen lassen wollen, keine Grenzen gezogen werden. Weshalb ein solches System auch dem „broken windows“ Syndrom anheimfällt: aus Verwahrlosungssignalen schließen die Asozialen, dass sie es mit einem unverteidigten System ohne Immunabwehr zu tun haben. Und lassen alle Rücksicht fallen. Worauf das System zügig zu einem unwirtlichen Endzeit-Lebensraum wird. Der Wüste der Anonymität.

Den Gegenpunkt der Skala gibt es in kleinen Dörfern, in denen jeder jeden kennt. Wo die dörfliche Gemeinschaft eine erstickende soziale Kontrolle entfaltet und in der alles, was einer macht, von seinen Nachbarn interessiert betrachtet wird. Das sind Verhältnisse, die in skandinavischen Ländern manchmal herrschen und in OECD-Vergleichen häufig zu guten Ergebnissen bei Kriminalitätsbelastung, Verwaltungseffektivität und Schulqualität führen. Aber halt auch zu Bürgern, die sich bei allem, was sie tun, überlegen, ob sie es tun, da sie damit rechnen müssen, dass alle anderen Dorfbewohner es zur Kenntnis nehmen. Und z.B. auch ihre Exzesse zu ihrem öffentlich bekannten Lebensbild gehören. Die Anonymität der Großstadt ist in solchen Lebenswelten nicht zu finden.

Von Großstädten wie Berlin heißt es, dass in ihnen jeder ein Maximum an Freiheit  ausleben kann und nicht mit einer ihn sozial kontrollierenden Nachbarschaft rechnen muss. Was andersherum dann aber eben auch wieder bedeutet, dass niemand den Auswüchsen großstädtischer Anonymität entgegentritt. Asozialen S-/U-Bahnfahrern, prügelbereiten Jugendlichen, aggressiven Radfahrern oder ihre Kampfhunde ausführenden Hundebesitzern.

Damit bleibt ein nicht aufzulösender Widerspruch zwischen Anonymität und sozialer Kontrolle, der allenfalls im Wege eines Kompromisses in einem Mischungsverhältnis zum Ausgleich gebracht werden kann, nicht aber im Wege einer Entscheidung zugunsten eines Skalenendpunktes. Gerade aber den Eindruck des letzteren versucht die derzeitige Überwachungshysterie zu erwecken. Die überwachungsfreie Kommunikation fordert und alle Überwachung von sich weist. Wer das fordert, will zurück in die dark rooms des BTX-Systems. In dem sich die meisten nicht wohlfühlen.

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