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Was sind wohl die erfolgreichsten Medieninhalte, die erfolgreichste Musik, die am meisten gelesene Textsorte? Und wovon handeln sie wohl, was für eine Geschichte erzählen sie?

Michael Jackson’s Album (Langspielplatte) mit dem (Titel-) Lied „Thriller“ kam 1982 heraus und wurde mit einem teuren, von John Landis als Regisseur gestalteten Video zum meistverkauften Album der Welt (http://de.wikipedia.org/wiki/Thriller_%28Album%29). Der Titelsong „Thriller“ ist mit 13:41 Minuten Länge in YouTube anzusehen unter https://www.youtube.com/watch?v=sOnqjkJTMaA .

„Thriller“ erzählt die gleiche Geschichte drei Mal: das erste Mal in einer übertriebenen 1950er Jahre Form, in der ein Mann und eine Frau im Wald in einem Auto mit leerem Benzintank stranden, der Mann der Frau einen Heiratsantrag macht und sich dann in einen Werwolf verwandelt. Die Frau läuft weg, er fällt über sie her, im gruseligsten Moment der Bedrohung (das Tier streckt seine krallenbewehrten Hände nach der auf dem Waldboden auf dem Rücken liegenden Frau aus) weicht der Film ins Kino aus, in der die beiden Hauptakteure, der Mann und die Frau die Story gerade im Kino anschauen. Der Mann isst fröhlich Popcorn und mag die Show, die Frau zeigt sich indigniert und fürchtet sich. Sie verlässt das Kino, der Mann folgt ihr widerstrebend.

Damit beginnt die Geschichte ein zweites Mal, diesmal „realistischer“ im 80er Jahre Stil erzählt. Der Mann erzählt der Frau begeistert, wie sie sich im Kino gegruselt hat. Sie kommen an einem Friedhof vorbei. Und aus den Gräbern steigt eine Armee von Zombies heraus, die den Mann und die Frau einkreisen und bedrohen. Der Grusel der Frau steigert sich, als der Mann sich ebenfalls in einen (vom Look her gemäßigten) Zombie verwandelt und mit der sie bedrohenden Zombie Bande zu tanzen beginnt (choreographisch an ungelenke Untoten-Bewegungen ausgerichtet). Die Frau flüchtet vor der ganzen Bande (nämlich den sie Bedrohenden und ihrem Mann, der offenbar auch nicht besser ist als die üblen Zombies) in ein verlassenes, einsam stehendes, ziemlich morsches Holzhaus und schließt sich in einer heruntergekommenen Wohnung ein. Wo gleich danach im Gegenlicht die Zombies durch Wände, Fenster und Türen einbrechen. Im Moment des größten Grusels und der größten Bedrohung wiederum verschwinden die Zombies und verwandelt sich die Wohnung in eine leicht spießige Mittelstandswohnung und ist nur noch der Mann da, der ihr fragend die Hand entgegenstreckt und ihr verspricht, sie nach Hause zu fahren.

Und während sie aufsteht, seine Hand nimmt und mit ihm in Richtung Ausgang geht, wendet sich der Mann noch einmal von ihr ab und der Kamera zu. Und zeigt dem Zuschauer sein Gesicht und seine Augen. Und er zeigt ein drittes Mal ein werwölfisches Tier-Antlitz, das diesmal  nur noch nicht von der Frau bemerkt wurde. Aus dem Off tönt ein höhnisches Lachen und die Abspanntitel laufen durch.

Thriller zeigt damit eine weibliche Ohnmachts- und Bedrohungsphantasie mit der zentralen Prämisse: „Der Mann ist ein Tier.“ Lässt man sich mit ihm ein, wird er nach anfänglichem Werben und hilfreichem Unterstützen zum Werwolf mutieren und mit seiner Sexualität die Frau bedrohen. Der erste Durchgang der Geschichte zeigt das am unverschlüsselsten, im finalen show down liegt die Frau auf dem Waldboden auf dem Rücken und der Mann (in stark übertriebener Weise zum Werwolf mutiert) streckt begehrlich seine krallenbewehrten Pfoten nach ihr aus. Sexualität als üble schreckliche Bedrohung.

Im zweiten Durchgang kommt mit den aus den Gräbern steigenden Zombies ein zweites Moment über die Bedrohung durch den sexuell aktiven Mann hinzu: die Armee der Unattraktiven steigt aus den Gräbern und bedroht die attraktive Frau zusätzlich. Nicht nur, dass der Mann Sex mit ihr haben will, sie sieht sich nun auch noch all den schrecklich aussehenden unattraktiven (Beta- bis Omega-) Männern und Frauen ausgesetzt, die etwas von ihr wollen. Also wirklich, die attraktive Frau hat’s schwer.

Im dritten Durchgang kehrt der Film wieder zu seiner ursprünglichen, nur auf den Mann bezogenen „Warnung“ vor dem Tier im Manne zurück und subtilisiert seine Botschaft. Auch wenn er sich zivilisiert und schützend gibt, vergiß‘ als schöne Frau nie: der Mann ist ein Tier! Und mag es auch in ihm versteckt sein, heimtückisch in ihm drin steckt es und lauert nur darauf, über Dich herzufallen. Ist es nicht lustig, dass diese Botschaft, verpackt in einen sehr suggestiven, optisch brillianten Film (Videoclip) zum meistverkauften Lied und Album der Musikgeschichte geworden ist?  

Und was ist wohl die meistverkaufte Romangattung weltweit? Dem Buch „Dangerous Men and Adventurous Women, Romance Writers on the Appeal of the Romance“ zufolge, ist es die Gattung ‚Romance‘ d.h. Liebesgeschichte, Melodram. Angeblich gehört die Hälfte der weltweit verkauften Literatur dieser Gattung an. Und hat eine Besonderheit: sie wird von so gut wie keinem Mann gelesen. Aber von unglaublich vielen Frauen. Das kleine englische Büchlein mit knapp 230 Seiten versammelt die 22 erfolgreichsten Romance Autorinnen der Branche, von denen jede mindestens fünf Bücher veröffentlicht hat und stellt ihren Beitrag zu jeweils einem anderen Aspekt der Romance Fiction zusammen.

Die stereotype Handlung und Figurenzeichnung sieht meistens einen dunklen werwolfsähnlichen Mann vor, den ein junges Mädchen in arrangierter Ehe heiraten muss. Und dann muss die Frau dem Mann beibringen, wie er sie lieben soll und für den Konflikt zwischen dem männlichen und dem weiblichen Element eine integrative Lösung finden. Die Sprache ist emotional und verwendet Formeln und Muster, die die genreerfahrenen Leserinnen kennen und erwarten.
Schreibt man sie nicht im erwarteten Code, funktioniert es nicht.

Diese Form der Massenkommunikation ist ein wenig wahrgenommenes Selbstgespräch der Frauen untereinander und mit sich selbst. Und gibt einen Einblick in die Phantasien, Werte und Wünsche der Frauen, der weitgehend nicht wahrgenommen wird. Während Michael Jacksons „Thriller“ über die Konfrontation von Mann und Frau philosophiert und zum erfolgreichsten Musikstück der Welt wurde, bleibt das weibliche Selbstgespräch über genau diese Situation in der veröffentlichten, männlich dominierten Meinung ungehört. Obwohl es – statistisch gesehen – in den Buchläden allgegenwärtig ist.

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