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Es gibt Leute die sagen, dass Recht und Gesetz, Polizei und Justiz nur erfunden wurden, um alten reichen Männern ihr Hab und Gut und ihre Frauen zu erhalten. Denn es dürfte eine menschliche Konstante sein, dass jemand, der nichts oder wenig hat, in Versuchung kommt, dem der viel hat dies nicht abzukaufen, sondern einfach wegzunehmen. Schließlich ist Diebstahl das häufigste Delikt. Und über Delikte – bzw. allgemeiner gesagt – Kriminalität denkt die Wissenschaft, hier die Kriminologie, auch schon länger nach und schreibt ihre Erkenntnisse und Theorien in dicken Büchern zusammen. Was steht denn da so drin zum Thema ‚warum gibt es eigentlich Kriminalität?‘ Die fünf vielleicht bekanntesten Theorien mag ich hier kurz beschreiben.

Kriminalität wird dabei verstanden als die gravierendste Form sozialer Regelverletzung, ein Übertreten des ethischen Minimums einer Gesellschaft, das die heftigste Gegenwehr der Gesellschaft auslöst. Gegen weniger gravierendes abweichendes Verhalten gibt es gesellschaftliche Sanktionen wie Peinlichkeit, Lächerlichkeit, Kontaktabbruch oder Ignorieren. Kriminalität ist auch nicht abschaffbar, sie ist eine nur in Grenzen beeinflussbare Eigenschaft von Gesellschaften. Es kann nur darum gehen, mit ihr unter möglichst großer Schonung aller beteiligten Interessen umzugehen. Wenn dies nicht der Staat macht, kommt es zur Selbstorganisation gesellschaftlicher Gruppen wie Bürgerwehren, die im Zweifel größeren Schaden anrichten als professionelle staatliche Organisationen wie Polizei und Justiz, die geschaffen wurden um die Gewalt beim Staat zu monopolisieren und die Gewalt unter Privaten zu unterdrücken.

Die erste Kriminalitätsentstehungstheorie stammt aus dem Italien der 1880er Jahre. Der „l’uomo delinquente“ sei eben als Verbrecher geboren, da könne man nichts machen. Und man könne es ihm ansehen, dass er ein Schuft sei, weshalb die Vertreter dieser Denkrichtung in die Gefängnisse gingen und Schädelformen und Physiognomie der einsitzenden Übeltäter vermaßen. Wenn einer durch seine Geburt und Erbanlagen unausweichlich als Verbrecher geboren ist, dann ist auch jede Therapie und Besserung sinnlos. Dann kann man ihn – wie es die Engländer taten – eigentlich nur nach Australien in die Verbannung exportieren oder – wo diese Möglichkeit nicht besteht – einsperren (am besten schon bevor er Gelegenheit hatte, Verbrechen zu begehen).

Die Theorie des geborenen Verbrechers wird heute nicht mehr vertreten. Zum einen gefiel sie auch den Nationalsozialisten gut, die auch gleich die Bestimmungsmacht für sich reservierten, wer zur Gruppe der Bösen und Auszumerzenden gehört. Vor allem aber müsste dann Australien heute ein ziemlich übler Ort sein, wenn sich Kriminalität vererben würde: die heutigen Nachfahren der zahlreichen dorthin verbannten Kriminellen und Asozialen müssten mit ihren schlimmen Erbanlagen zu einer furchterregenden Gesellschaft der Kriminellen geworden sein, wenn die Theorie stimmen würde. Hat sie aber offensichtlich nicht.

Die zweite Kriminalitätsentstehungstheorie reagiert auf die erste und sagt, Vererbung ist nichts, Lernverhalten ist alles. Sage mir, mit wem Du umgehst und ich sage Dir, zu was für einem Menschen (bzw. Kriminellen) Du wirst. Gehoben formuliert: die Theorie der differenziellen Kontakte. Mit wem wir Kontakt pflegen, dessen Gewohnheiten, Werte, Verhaltensweisen teilen und übernehmen wir auch irgendwann. Wenn also jemand wegen jugendlicher Delinquenz in jungen Jahren in den Knast kommt, trifft er dort viele üble Leute und lernt von ihnen, wie man ein richtiger schwerer Junge wird. Aus dieser Kriminalitätsentstehungstheorie ergibt sich also die Empfehlung, Jugendliche möglichst erst bzw. nur dann ins Gefängnis zu schicken, wenn es nicht mehr anders geht. Denn was sie dort lernen und welche Gesellschaft sie dort finden werden, das wird sich nicht positiv auf sie auswirken.

Eine dritte Theorie sinnt über die Ungleichheit nach und findet, dass die unfaire Verteilung von Aufstiegschancen doch ganz automatisch zu Kriminalität führen wird. Die Gesellschaft sei unfair, Geld und Gut ungleich verteilt und dieser Webfehler der fehlerhaften Gesellschaftsstruktur hindere die da Unten daran, nach oben ans Licht von Sonne und Wohlstand zu kommen. Mithin müssten die da Unten zu kriminellen Mitteln greifen, um das zu bekommen, was sie erstrebten. Die Theorie der fehlerhaften Gesellschaftstruktur hat mit ein paar hinderlichen Ungereimtheiten zu kämpfen: Zum einen gibt es viele Arme, die ihr Lebtag lang im Schweiße ihres Angesichts arbeiten, ohne je wohlhabender zu werden und gleichwohl nicht kriminell werden. Und zum anderen gibt es viele, die zwar kriminell werden, damit aber keinen rechten Erfolg haben und arme Kleinkriminelle bleiben. Denn auch im Wirtschaftssektor Kriminalität sind die Aufstiegschancen ungleich und häufig unfair verteilt und nicht selten genauso dünn gesäät wie im legalen Erwerbsleben. Immerhin glaubt diese Theorie an die Veränderbarkeit des Menschen und empfiehlt damit das Ausschwärmen von Sozialarbeitern um Bildung und Sozialtraining und damit Aufstiegschancen in den sozialen Brennpunkten zu verbreiten.

Wo eine vierte Theorie dagegen eher schwarz sieht und auf Härte setzt: die ‚broken windows‘ Theorie, die die Forscher im New York der 1970er Jahre entwickelten. Bei dem Experiment, das ihr Gründungsmythos wurde, stellten sie ein Auto in einem Elendsviertel ab, z.B. der damaligen Bronx mit heruntergekommenen und zum Teil ausgebrannten Sozialkasernen, und beobachteten was geschah. Nachdem das Auto ein paar Tage unbeachtet herumgestanden war, schlugen sie ein kleineres Seitenfenster an ihm ein und ließen es erneut stehen. Und beobachteten, wie sich innerhalb von Stunden vorbeikommende Asoziale an dem beschädigten Auto zu schaffen machten, auch alle übrigen Fenster einschlugen, es letztlich anzündeten und in rauchendes Wrack verwandelten.

Auf dieser archetypischen Situation bauten die Forscher ihr Theoriegebäude auf: wenn eine Gesellschaft kein sie verteidigendes Immunsystem besitzt, dann merken das die Asozialen schnell, sehen, dass man ihnen keine Grenzen setzt und schlagen um so mehr über die Stränge. Davon leiteten die Forscher die ‚zero tolerance‘ Strategie ab, mit der New York in Zeiten des Bürgermeisters Giuliani und seines Polizeichefs Bratton saniert wurde. Nach dieser Denkrichtung braucht eine Gesellschaft ein starkes Immunsystem, eine modern ausgerüstete und ausgebildete Polizei und Justiz, an der nicht gespart wird. Und indem sie bereits gegen Ordnungsunrecht wie Schwarzfahren und Graffiti kompromisslos vorgeht, verhindert sie an der vorverlegten Front des Ordnungsunrechts das Einreißen schlimmerer Zustände. Was man Vertretern dieser Richtung vorwirft ist eine polizeistaatsgerichtete Tendenz, die Gesellschaft werde von ihren Wächtern so gnadenlos geschützt, dass die Freiheit der Bürger unverhältnismäßig eingeschränkt werde. Was in Anbetracht der aktuellen politischen Diskussion irgendwie bekannt klingt.

Nach den vier angesprochenen Kriminalitätsentstehungstheorien bleibt jetzt noch eine fünfte zu erwähnen, die die bisherigen etwas unfein dekonstruiert: der „labeling approach“. Danach ist Kriminalität ein Zuschreibungsprozess. Was in einer Gesellschaft legal und was Kriminalität ist, das werde mehr oder weniger willkürlich festgelegt. Und die Vorurteile der Strafverfolger würden die Realität gestalten: wenn die Strafverfolger schwarze Jugendliche mit Kaputzenpullis für kriminell halten und sie bei jeder Gelegenheit kontrollieren, dann finden sie bei ihnen auch mehr Delikte als bei weißen bürgerlichen Jugendlichen. Wenn junge Männer von der Polizei für krimineller als Frauen gehalten werden, dann bilde sich das schließlich in der Gefängnispopulation ab, wo nur ca. 4 % der Insassen in den Gefängnissen weiblich sind. Die Welt als Wille und Vorstellung. Gewalttätige Jugendliche kämen in den Knast, gehobene Steuerhinterzieher würden dagegen ewig als angesehene Mitglieder der Gesellschaft gelten. Von Brecht und seinem Satz „Was ist schon das Verbrechen, eine Bank zu überfallen gegen das Verbrechen, eine zu gründen?“ gar nicht erst zu reden.

Der labeling approach mit seinem Pippi Langstrumpf-Vorwurf ‚ihr macht Euch die Welt, wie sie Euch gefällt!‘ hat die beteiligten Kreise (insbesondere also Polizei und Justiz) schwer getroffen. Und zu einer breiten Sensibilisierung beigetragen. Der zusammen mit sich verbreitenden Indiskretionsrisiken durch die Digitalisierung (ein Bankangestellter kann heutzutage aus seiner Bank mit einer CD mehr Daten mitnehmen als er in früheren Zeiten je an Papier aus dem Archiv hätte heraustragen können) mittlerweile dazu geführt hat, dass auch gehobene Kreise von Steuerflüchtlingen sich heutzutage nicht mehr ihrer Unbehelligtheit sicher sein können. Und sich plötzlich ab einer Million € an hinterzogenen Steuern Seite an Seite mit den Asozialen auch im Knast wiederfinden.

Die etwas verkürzte Ideengeschichte des Nachdenkens über Kriminalität führt von 1880 bis zum unübersichtlicher gewordenen Heute. Jede Denkrichtung und Kriminalitätsentstehungstheorie hat ihrer Zeit und Gesellschaft ihren Spiegel vorgehalten. Und die Gesellschaft und ihr Staat hat jeweils auf das ihr vorgehaltene, häufig wenig schmeichelhafte Bild der Forscher reagiert und Dinge verändert. Mittlerweile schreitet die moderne Digitalisierung und Vernetzung der Welt fort und wird vermutlich das Urheberrecht, Äußerungsrecht und Pornographieverständnis in seiner gegenwärtigen Form dekonstruieren. Und in schöpferischer Zerstörung Neues schaffen.

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