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In einem vor einiger Zeit verbreiteten Antirauchen-Fernsehwerbespot mühen sich zwei Schauspieler und ein Regisseur mit einer Szene ab, in der die beiden Spieler exzessiv Zigaretten rauchen müssen. Nach der x-ten Wiederholung fragt einer der beiden den Regisseur entnervt, warum sie eigentlich in der Szene dauernd rauchen müssten. Der antwortet schlicht: „Weil Ihr zwei Verlierer spielt.“

Einer sozial weit verbreiteten Unterscheidung zufolge gibt es Gewinner und Verlierer. In welchem Verständnis kann eine solche Unterscheidung nützlich sein und was unterscheidet eigentlich Gewinner und Verlierer? Das Motiv stammt aus der Evolutionsbiologie und ist eine sozialdarwinistische Anwendung des „survival of the fittest“ (der an seine Umgebung besser Angepasste überlebt) auf soziale Verhältnisse. Während es evolutionstheoretisch irrelevant ist, ob ein Lebewesen aufgrund unveränderlicher zufallsbestimmter Gründe (wie besserer Erbanlagen) oder aufgrund veränderlicher verhaltensbezogener Momente überlebt (weil es sich smarter verhält), macht dies bei Menschen einen Unterschied: Diskriminierung aufgrund für den Betroffenen unveränderlicher Umstände wird als unfair empfunden. Das wird als so wichtig empfunden, dass man es in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes geschrieben hat: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Antidiskriminierungsgesetze sollen diese Unterscheidungsverbote einfachgesetzlich flankieren und für die Durchsetzung realer Gleichheit im Hinblick auf diese Eigenschaften sorgen.

Eine Diskriminierung aufgrund veränderbaren Verhaltens bzw. frei getroffener Entscheidungen ist dagegen unbedenklich: wenn sich einer unhöflich oder ungehobelt verhält, wird man den Kontakt zu ihm vermeiden. Begeht einer Straftaten, wird das soziale Sanktionen nach sich ziehen. Die Einteilung nach Gewinnern und Verlierern beschränkt sich aber nicht auf einmaliges Verhalten, sondern meint auch Verhaltensgewohnheiten und Denkhaltungen bzw. Denkweisen, die eine Persönlichkeit prägen. Sie ist komplexer als eine bloße Unterscheidung nach ökonomischem oder sozialem Erfolg, denn eine reine Unterscheidung nach Reichtum oder hierarchischem Rang für die Einteilung in Gewinner und Verlierer griffe gefühlt zu kurz. Reichtum kann anstrengungslos ererbt worden oder einer Zufallskonstellation zu verdanken sein. Nur als verdientes Ergebnis eigener Anstrengungen und Zielstrebigkeit wäre Reichtum ein Grund, jemanden einen Gewinner zu nennen.

Aus kriminologischer Sicht gibt es eine bekannte grundlegende Studie, die Tübinger Jungtäteruntersuchung, die seinerzeit kriminalitätsfördernde Verhaltensweisen und Lebenshaltungen anhand der Untersuchung von 200 in Strafanstalten inhaftierter junger Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren im Vergleich zu 200 zufällig ausgewählten, nicht inhaftierten jungen Männern gleichen Alters identifizieren wollte. Die seinerzeitige Studie forschte nach kriminalitätsfördernden Misserfolgsgründen, gibt aber ins Gegenteil gewendet durchaus auch Aufschlüsse über erfolgsgerichtete (und nicht nur gegen Kriminalität resistent machende) Umstände: das erste Kriterium fragte nach dem Arbeits- und Leistungsbereich und der Art und Weise, wie der Betrachtete die an ihn gerichteten sozialen Erwartungen erfüllt, das zweite nach dem Verhältnis zu Geld und Eigentum, das dritte nach strukturiertem Freizeitverhalten und Eingebettetsein in soziale Strukturen (Familie, Freunde, tragende menschliche Beziehungen) und das vierte nach möglichem Suchtverhalten (wie gewohnheitsmäßigem Konsum von Rauschmitteln). Das dürften auch alles keine sonderlich ungewöhnlichen Kriterien für eine Einteilung in Gewinner und Verlierer sein. Aber da geht noch mehr.

Die beim Improvisationstheater verwendeten Prämissen und Regeln sind Empfehlungen, die Spielern auf der Bühne erfolgreiche Zusammenarbeit vor den Augen eines Publikums ermöglichen sollen. Mithin taugen auch sie als Unterscheidungsmerkmale, im Sinne erfolgsgerichteter Verhaltensweisen, die Gewinner und Verlierer unterscheiden. Wobei sie als Verhaltens- und Denkgewohnheiten über bloße Verhaltensempfehlungen hinausgehen und zu Persönlichkeitsattributen werden. Wer beispielsweise der Maxime folgt, ‚lass‘ Deinen Partner gut aussehen‘, wird vermutlich eher seinen Mitspielern sympathisch sein und sie dazu anregen, wieder mit ihm auftreten zu wollen als ein Narzist, der nur um sich selbst kreist oder eine Rampensau, der egal ist, wie es ihren Mitspielern geht. Mithin sind die Verhaltensempfehlungen aus dem Improtheater durchaus auch Persönlichkeitsgestaltungsempfehlungen.

Dagegen dürften das Konzept von Hochstatus und Tiefstatus im Improtheater wenig mit der Unterscheidung nach Gewinnern und Verlierern zu tun haben. Hoch- und Tiefstatus drücken verhaltensmäßig soziale Dominanz oder Unterwürfigkeit aus. Beide sind für eine plastische Figur auf der Bühne oder eine flexible Persönlichkeit im Leben notwendig. Gewinner- und Verlierer-Verhalten und -Denkweisen sind dagegen nicht beide gleichermaßen für eine Person notwendig oder wünschenswert. Wer sich von Verliererverhalten und -Denken komplett löst, dem fehlt nichts, so wenig wie einem Krankheit fehlt. Bei einem Nichtraucher vermisst man das Rauchen nicht. Bei einem ausdauernden, frustrationstoleranten Zielstrebigen vermisst niemand Ziellosigkeit, Wankelmütigkeit oder leicht eintretende Entmutigung. Man braucht Verlierertum nicht um als Mensch komplett zu sein.

Beim Nachdenken über Gewinner und Verlierer fallen einem leicht naheliegende Gewinnereigenschaften wie Handlungsorientierung, Realitätsbewusstsein, Realismus und Pragmatismus ein. Noch leichter fallen einem allerdings viele Verliererverhaltensgewohnheiten ein, mit denen einem problematische Personen auf die Nerven gehen: die Neigung beispielsweise, ewig folgenlos über die gleichen Probleme zu reden ohne je etwas an ihnen zu ändern (das könnte allerdings eine geschlechtsabhängige Aversion sein). Oder gewohnheitsmäßig andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen, ohne den eigenen Tatbeitrag an dem zu sehen was mit einem geschieht. Die Neigung, sich als hilflos zu empfinden und nicht zu glauben, das eigene Los selbst beeinflussen oder ändern zu können. Vielleicht fallen einem wegen des höheren Potentials von Verlierereigenschaften zu nerven mehr Eigenschaften ein, die zum Verlierer qualifizieren als Eigenschaften, die den Gewinner (oder Helden einer Geschichte) auszeichnen.

Während es evolutionär häufiger eindeutig sein dürfte, wer als Gewinner und wer als Verlierer anzusehen ist („have lunch or be lunch“, fressen oder gefressen werden, sich fortzupflanzen oder eben nicht), ist bei sozialdarwinistischer Anwendung dieses Begriffspaares auf Menschen die Einteilung subjektiv wertungsabhängiger. Zum einen können Betroffene die Unterscheidung nach veränderbaren Umständen und unveränderbaren Ausgangsbedingungen bezweifeln (was als Motiv auch selbst schon wieder nach einer Verliererattitüde klingt), also beispielsweise vertreten, dass sie nicht anders können als z.B. süchtig Zigaretten zu konsumieren, weil sie nun einmal mit dieser Suchtneigung auf die Welt gekommen seien, sie also ererbt hätten und mithin nichts dafür könnten. Zum anderen können Betroffene darauf hinweisen, dass sie sich aus Weltanschauungsgründen für einen bestimmten Lebensstil entschieden hätten (als Mönch, als bewusst anspruchslos Lebender) und mithin die Anwendung dieser Unterscheidung auf sie sinnlos wäre. Mithin ist das Begriffspaar wahrscheinlich auch häufig einfach nur ein Kampfbegriff zwischen unterschiedlich Denkenden im überindividuell unentscheidbaren Kampf der Meinungen.

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