im Bootcamp der Experten für anlasslose Kommunikation

Von Freitag, 30. September (16:00 Uhr) bis Sonntag, 2. Oktober 2011 (für mich: 22:00 Uhr) fand die erste Exkursion nach Berlin von Dr. P statt. Dr. P ist nach dem Marktführer „David D.“ („David DeAngelo“) der vielleicht wissenschaftlich seriöseste „Date Doctor“ (zum Thema Kontaktaufnahme und Beziehungsanbahnung mit dem anderen Geschlecht, das Angebot ist soweit ersichtlich nur für Heterosexuelle). Dr. P ist Psychiater (M.D. – medical doctor), lebt und arbeitet in Chicago (die nächsten drei Monate d.h. das letzte Quartal 2011 an der New Yorker Universität) und bietet über eine Reihe von Internetportalen sowie Blogs und Kolumnen in Lifestyle-Magazinen Dating – Rat und Hilfe für Männer wie für Frauen.

Sein Internetangebot bietet neben kostenlosen Inhalten eine geschlossene Abonnement Community, die ein einschlägiges Wiki-Lexikon nutzen sowie sich in Foren austauschen kann. Darüber hinaus bietet er seine Theorie in eBooks, auf Audio-CDs und Video-DVD Programmen in unterschiedlichen Preisregionen an. Die billigsten eBooks kosten 20 – 30 US-$ und sind per Download zugänglich, die aufwendigeren CD & DVD Programme werden per Post versandt und kosten 250 – 900 US-$. Darüber hinaus veranstaltet Dr. P mit Assistenten Seminare / Exkursionen in unterschiedlichen Städten (wie Chicago, New York, London), die nominell pro Teilnehmer 2.500 US-$ kosten (Rabatte scheinen häufig zu sein, Wiederholer zahlen die Hälfte). Daneben gibt es auch eintägige Seminare (ohne abendliche Exkursion ins Nachtleben) für die weniger lukrative Frauenberatung.

Europa ist als Markt für Dr. P noch wenig erschlossen. Die „Exkursionen“ fanden bisher überwiegend in London statt, im vorausgegangenen Jahr war die erste in Stockholm, die in Berlin war die erste in Deutschland. „Basis-Lager“ war eine größere möblierte Wohnung in einer modernen anonymen Wohnanlage am Paul-Linke-Ufer 8 in Berlin, die dem Vernehmen nach von einem Facebook-Freund angemietet worden war. Neben Dr. P selbst waren fünf Geschäftspartner, Freunde bzw. Assistenten anwesend: Mr. M, der Majordomus von Dr. P [„Editor-in-Chief“] und seit einem Dutzend Jahren sein Freund, dessen kahlköpfiger Bruder M , ein kahlköpfiger Ire P mit Schirmmütze, ein stämmiger Ex-Soldat H aus den USA [der als Tagesjob Immobilien verwaltet und robuste Sicherungsaufgaben wahrnimmt], ein Engländer mit indischem Hintergrund A, der als Franchisenehmer von Dr. P in London eigene Kurse gibt und einen jungen Engländer als Schüler mitgebracht hatte.

Die neun Teilnehmer reichten altersmäßig von dem 18-jährigen Schüler C bis zu einem 51-Jährigen in Berlin lebenden P, ein Teilnehmer O mit türkisch-australischem Hintergrund in den 30ern, der in München lebt, einem rundlichen ca. 28-jährigen blonden Psychologie-Doktoranden M aus Göttingen, der an seiner Doktorarbeit schreibt und derzeit nach seinem Universitätsstudium eine berufsqualifizierende Verhaltentherapie-Ausbildung macht, einem jungen japanisch aussehenden Australier A in den 20ern mit aufstehender längerer Bürstenhaar-Frisur, einem rundlichen Inder G Mitte/Ende 30, der für eine IT-Unternehmensberatung in Frankfurt arbeitet, aber besser Englisch als Deutsch spricht. Und der lange schmale A, 28, der unmoduliert gepresst gleichbleibend laut spricht (um früheres Stottern zu überwinden) und dem multipler Problemdruck anzumerken ist. Dazu ein junger bart- und brillenloser Engländer in den 20ern, der mit nach hinten gekämmten brünetten Haaren und beim abendlichen Ausgehen einer großen schwarzen Woody-Allen-Brille bei aller Jugendlichkeit sehr retro aussieht und zwar Student war, aber der angelsächsischen Dozenten-Crew nahestand. Und der in Belgien arbeitende US-Amerikaner J, unter dessen extrem langen Arbeitszeiten sein Privatleben zum Erliegen kommt.

Am vereinbarten Beginn (Freitag, 16:00 Uhr) finden sich die Teilnehmer ratlos vor der Außentür einer Wohnanlage in Kreuzberg (Paul-Lincke-Ufer 8), die mit einer besucherfeindlichen Klingelanlage den Veranstaltungsort zu einem weitgehend ungeeigneten Treffpunkt machte. Ein kahlköpfiger wortkarger Mann trittt schließlich vor die Türe, sammelt die Teilnehmer ein und bringt sie im vierten Hinterhof in den fünften Stock einer geräumigen, sich über zwei Stockwerke erstreckende Wohnung. Vom Eingangsbereich im fünften Stock kommt man in die Küche, über eine Treppe nach unten in einen großen Wohnzimmerraum mit Flachbildfernseher und drei 3-Personen Couches, auf denen sich später die Teilnehmer eher liegend als sitzend niederlassen werden (wie übrigens Dr. P als Dozent entweder stehend oder liegend spricht, eine baseball bedingte Fußverletzung macht ihm längeres Stehen mühsam). Die Wohnung wirkt wie ein Basislager, in dem sich die eingeflogenen US-Amerikaner in einer temporären Wohngemeinschaft einrichten. Mr. M, der Freund und Geschäftsführer von Dr. P ist – wie alle anderen Dozenten ohne Deutschkenntnisse – häufig über kleine kostenlose Touristenkarten gebeugt, denen er Tipps für Exkursionsziele, Nachtlokale und Sehenswürdigkeiten entnimmt.

Während die Teilnehmer im oberen Stockwerk in der Küche warten und einander sowie die Organisatoren befremdet betrachten, sind aus dem großen Wohnzimmerraum ein Stockwerk tiefer Vorbereitungsarbeiten zu hören (wie das Verschieben von Couches). Die Organisatoren sind offensichtlich an diesem Freitag gerade erst aus den USA eingetroffen und noch damit beschäftigt, sich einzurichten, zu duschen und den Vortragsraum vorzubereiten. Die erste Begegnung mit Dr. P ist dann auch sehr formlos, ich sitze am Tisch in der Küche und höre Dr. Ps Stimme plötzlich von der Treppe unmittelbar hinter mir. Die sehr unterschiedlichen Teilnehmer sind in einem chaotischen Basislager angekommen, nicht in einer professionell vorbereitenen Veranstaltung. Dies zeigt sich auch an der später am Abend als Ziel angestrebten Ausgeh-Lokation „Watergate“ an der Oberbaumbrücke nahe dem Schlesischen Tor, wo gegen 22:30 Uhr nach längerem Suchen überraschend festgestellt wird, dass das Lokal erst um 24:00 Uhr überhaupt aufmacht und der Türsteher die Truppe nicht hineinlässt, weil sie für diesen Ort overdressed sei. Offenbar war vorher kein Scout unterwegs um geeignete Lokale zu besichtigen und kein Reiseführer zur Hand, um die bisher unbekannte Stadt kennenzulernen.

Das etwa gegen 17:30 Uhr beginnende Seminar im Wohnzimmer beginnt mit Wortbeiträgen der Assistenten-Crew zu Körpersprache und sonstigen allgemeinen Ausgehtipps wie zu Körperhaltung und Stimmführung, bevor Dr. P den Raum betritt, auf dem Notebook sein Begleitbuch zu einem seiner Lehrprogramme als PDF aufruft und begleitend zu dem was er sagt auf dem Flachbildfernseher als externem Monitor anzeigen lässt. Seine Theorielehrstunde beruht auf den Lehrinhalten der evolutionären Psychologie (http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4re_Psychologie ) und verwendet als Modell drei unabhängig voneinander funktionierende, entwicklungsgeschichtlich unterschiedlich alte Gehirne und deren Programme, die beim Menschen parallel zueinander arbeiteten „Stammhirn/“Reptilienhirn“, „Säugetier-Gehirn“, Großhirn). Diese drei Gehirne geben das Modell für den Ablaufplan einer sexuellen Kontaktaufnahme und Beziehungsanbahnung ab und sind in einer glücklichen Beziehung gleichermaßen präsent: das Stammhirn steuert das animalische sexuelle Interesse aneinander bei, das mit Reiz-Reaktionsmechanismen nicht unbedingt individualisiert ist (jede attraktive Frau löst diese Reaktionen aus, nicht nur eine bestimmte), das Säugetierhirn sorgt zeitlich später für freundschaftliche emotionale und individualisierte Bindungen, die die Kooperation von Säugetieren zum gegenseitigen Nutzen erleichtern, das Großhirn beschäftigt sich noch später mit dem Herausbilden gemeinsamer Werte und Überzeugungen.

Ein Überspringen oder Ausfall einzelner, sich an den drei Gehirnen ausrichtenden Kontaktaufnahmephasen führt nach Ansicht von Dr. P zu defizitären Beziehungen. Beispielsweise gerät ein Mann, der das Stammhirn und seine animalischen Instinkte nicht erreichen/auslösen kann, in die Freundschaftsfalle, wenn er gleich in den Säugetierhirnbereich gerät. Er wird dieser Einstufung als platonischer Freund meist nicht mehr entkommen, weil er in den Beziehungsphasen ‚rückwärts‘ gehen müßte, was bei Beziehungen als vorwärtsgerichtete Einbahnstraßen kaum noch zu schaffen ist. Eine Frau wiederum, die sich einer animalischen gegenseitigen Attraktivität erfreut, hat damit noch keine Basis für eine länger andauernde Beziehung erreicht, weil das Stammhirn im Gegensatz zum Säugetiergehirn auf Attraktivität als solche anspringt und keine Individualisierung auf einzelne Personen vornimmt. Mithin hat eine Frau, die nur das Stammhirn und nicht das Säugetierhirn zu begeistern vermag, noch keine Aussicht auf eine Beziehung, sondern nur auf eine Affaire und sollte diese beiden nicht miteinander verwechseln.

Die in den Seminarteilen der „Exkursion“ gelehrten theoretischen Inhalte sind wissenschaftlich kaum seriös zu untermauern. Evolutionstheoretischen Erklärungen von Verhaltensweisen haftet eine gewisse Beliebigkeit an, es kann so sein, es muss aber nicht so sein, Kritiker sprechen von unbeweisbaren Geschichten, die eher Mutmaßungen als wissenschaftliche Erklärungen sind. Dr. P trägt aus Wissenschaft und Literatur viele Konzepte zusammen und verschmilzt sie zu einem visuell zugänglichen eingängigen Modell. Das allerdings mit seinen praktisch gelehrten Dating-Skills nicht unbedingt viel gemeinsam hat: wie bei allen pickup artists (PUA‘s) ist das bei der Kontaktanbahnung vorteilhafte distanzlose Ansprechen von Fremden, das Erzählen unterhaltsamer Geschichten und extrovertierte Sozialverhalten in Gesellschaft nicht abhängig von tieferer Einsicht in wissenschaftliche psychologische Grundlagen. Auch ein mit Alkohol mutig gewordener angetrunkener Mann bzw. ein für Zurückweisung Unempfindlicher oder Desensibilisierter kann die Erfolgsfaktoren beim abendlichem Ausgehen erfüllen, auch ohne sich vorher um profunde Kenntnis wissenschaftlicher Hintergründe bemüht zu haben. Er sollte dann allerdings auch negative Impulse kontrollieren können und sich z.B. nicht bei Konkurrenzkonflikten in körperliche Auseinandersetzungen begeben.

Als Schüler und Coaches am späteren Abend gegen 22:00 Uhr ins Nachtleben aufbrechen, hat die Theoriestunde mehr oder weniger beliebige Inhalte abgehandelt, die zu wissen nicht schadet, ohne die man aber auch ausgehen könnte. Dr. P folgt dabei dem klassischen Ansatz von „Mystery“, einem Guru der Pickup Artists (PUA) Szene, der sich bizarre Assessoires mitnimmt (eine Taucherbrille, eine Drag-Queen Perücke, eine Feder-Boa, was auch immer) um anlasslose Kommunikation zu stimulieren. Er macht diesen Aspekt sogar zu einem zentralen Punkt männlicher Anziehungskraft, wenn er postuliert, dass Männer sich um ein Geheimnis (mystery) bemühen müssten um zu vermeiden, von Frauen kategorisiert (mit einem Etikett versehen) zu werden. Männer müßten sich in der Kontaktaufnahme-Kommunikation abendlichen Ausgehens um eine Ambivalenz von Freundlichkeit und Gefährlichkeit bemühen (friendly danger, dangerously friendly) um die Sinnlichkeit der Frauen zu wecken. Frauen wiederum würden die Männer durch Unterwerfungssignale (submission signals) wie Nesteln an der Kleidung, Rollen von Haarbüscheln oder Neigen des Kopfes mit Freilegen des Halses zur Kontaktaufnahme einladen. Auf diese Signale müsse ein Mann reagieren und die Kontaktaufnahme in freundlich-spielerischer Weise versuchen. Mithin würde die Kontaktaufnahme zwar vom Mann vollzogen, aber von den Frauen durch einladende Signale vorbereitet und eingeleitet, Signale, die die Männer nur leider überwiegend („zu 75 %“) nicht wahrnehmen würden.

Der abendlich unternehmungslustig ins Berliner Nachtleben aufbrechende Männertrupp führt zu „peacocking“ Zwecken (Pfauenhaftes Auftreten) ein im Dunkeln leuchtendes weißes Lammfell mit sich, einen Hut mit Wolfs-Ohren und zwei langen, in Tatzen auslaufenden Seitenteilen sowie ein ausgestopftes Hermelin-artiges Spielzeugtier, das bei Drücken ein quieckendes Geräusch macht. Beim Vorbeigehen an einem indischen Restaurant nahe des Schlesischen Tores erringt Dr. P auch tatsächlich mit dem Hut mit Wolfsohren das Interesse zweier US-amerikanischen Touristinnen, die an einem Tisch im Restaurant sitzen und paradiert mehrere Male vor dem Fenster auf und ab, bis er den Hut einem Schüler aufsetzt und mehrere Schüler das Lokal betreten, sich an den Tisch setzen und mit den beiden ein Gespräch anfangen. Die beiden US-Touristinnen, die sich an ihrem ersten Abend in Berlin unversehens geballter männlicher Aufmerksamkeit einer von Landsleuten dominierten Ausgehtruppe ausgesetzt sehen, schließen sich schließlich – zu Gruppenmaskottchen ernannt – für eine Zeitlang der Gruppe an (vermutlich gingen sie aber nicht mehr in das etwas heftige „White Trash Fastfood“ Lokal mit). Die Exkursionsgruppe ist mittlerweile nach längerem Suchen am Watergate gestrandet (erst an der Tatsache, dass dieses Nachtlokal erst um Mitternacht öffnet, dann daran, dass die Gruppe für dieses Lokal overdressed ist).

Gegen 24:30 Uhr beschließen die Organisatoren, über eine kleine kostenlose Touristenkarte von Berlin gebeugt, Taxis zu nehmen und zu einem Nachtlokal „Greenwich“ nahe dem Hacke‘schen Markt in Mitte zu fahren. Dort angekommen erweist sich das Lokal als menschenleer und sind die eintreffenden 15 Personen (Lehrer, Schüler und die beiden US-Touristinnen als Maskottchen) neben einem dort schon vorhandenen Paar die einzige Kundschaft. Die Bedienung empfiehlt den Ausgehwilligen ein anderes Lokal „White Trash Fastfood Bar/Club/Restaurant“ in der Schönhauser Allee 6 – 7 (http://www.whitetrashfastfood.com/ ), das sich als belebte, aber recht heftige Lokation erweist. Der Türsteher lässt einen Teilnehmer (Schüler A) allerdings nicht hinein, der noch einige Zeit vor der Tür verbringt, dann mit seinem Auto heimfährt und sich überlegt, ob er überhaupt am nächsten Tag noch wiederkommen und weiter teilnehmen soll (er tut es dann doch, weil er seinen Laptop in der Wohnung am Paul-Linke-Ufer zurückgelassen hat).

Der Rest kämpft sich nach 8 Euro Eintritt durch einen dunklen Tanzkeller mit vergitterter Getränkeausgabe über eine Treppe zu einem Restaurant im Erdgeschoss, das schließlich mit einer kleinen Tanzfläche endet, an der ein DJ mit Bart, Hut, Holzfällerhemd und Weste auflegt und ein als Frau verkleideter Transvestit singt und mit schräg-aufreizend angezogenen Lesbierinnen Kopulationsbewegungen nachahmende Tänze aufführt. Der Geräuschpegel ist hoch, Kommunikation zur Kontaktaufnahme daher eher beschwerlich und via Körpersprache und Mund-zum-Ohr Schreien möglich. Offenbar ist das ein Laden ganz nach Dr. Ps Geschmack. Wie sich aus späteren Erzählungen ergibt, bändelt an diesem Abend der junge Engländer (Schüler) mit einer Deutschen an, die ihn mit zu sich nach Hause nimmt, und nimmt Schüler O Kontakt zu einer Bedienung auf, mit der er in den nächsten Tagen Textmitteilungen austauschen und sich verabreden wird. Dr. P gräbt derweil zwei Frauen an (ein „2er-Set“, er entdeckt zu seinem Leidwesen nach einer Stunde Beschäftigung mit der einen, dass die andere schöner gewesen wäre), die sich zwischen der Truppe von Dr. P und einer Gruppe von vier großgewachsenen, einander sehr ähnlichen Schweden nicht entscheiden kann. Die Interaktion zwischen dem Expeditionskorps von Dr. P und den Schweden führt letztlich zu einem „Gewinnen“ der professionellen US-Ausgehtruppe, die in den Schweden würdige Gegner entdeckt, als die Schweden zwecks Abqualifizieren des Gegners vor den Frauen, Dr. P langweilige berufsbezogene Fragen stellen („hey, die wissen wie’s geht!“). Nach ihrem Sieg (der Vereinnahmung der Frauen, ermöglicht auch durch subversive Untergrabungstätigkeit des ablenkenden heimlichen Helfers P, der sich nicht als Angehöriger der US-Truppe zu erkennen gibt) versichert Dr. P den Schweden Zuneigung und Sympathie und zieht mit den Frauen ab. Dr. P entscheidet sich dafür, die von ihm umworbene Frau ohne weitere Einladung zum Beischlaf gehen zu lassen; er vermutet sie in einer festen Beziehung in Hamburg und diagnostiziert weibliche Charakterschwäche in ihrem sich nicht zwischen der US-Truppe und den Schweden Entscheiden-Können.

Dieser Verlauf des Abends wurde mir allerdings erst aus nachträglichen analysierenden Erzählungen bekannt. Gegen 02:30 Uhr verließ ich das Lokal ohne Kommunikationsversuche in dieser lauten Umgebung und ging zum Alexanderplatz, um die S-Bahn nach Hause zu nehmen.

Am darauffolgenden Samstag, dem 1. Oktober informiert eine SMS Textnachricht die Teilnehmer, dass man sich um 14:00 Uhr beim Hotel Westin Grand in Mitte (Friedrichstraße, Ecke Unter den Linden) treffen werde. Organisatoren und Teilnehmer trudeln zögernd ein, weshalb sich die pünktlich anwesenden deutschen Teilnehmer in die Lobby des Hotels setzen, wo gegen 15:30 Uhr von Dr. P und seiner Crew eine improvisierte Vorlesung mit Auswertung des vorangehenden Abends stattfindet. Danach verschwindet Dr. P und ziehen die Assistenten mit den Teilnehmern zu Fuß in Richtung Hacke’scher Markt um dort per Taxi zum Paul-Lincke-Ufer 8 zum abendlichen Seminar zurückzukehren. Auf dem Weg zum Hacke’schen Markt verweilt man eine Weile auf dem Flohmarkt am Kupfergraben und stöbert nach skurrilen Accessoires, die beim abendlichen Ausgehen als Anlass für Kommunikation herhalten können. Ein Assistent kauft sich ein altes Posthorn, Teilnehmer eine Wüstensand-Schutzmaske, einen Filz-Schmetterling zum Anstecken, eine schwarz-weiße Medaille an einer Halskette (ursprünglich gedacht für Frauen), einen mit einer Klammer im Haar zu befestigenden kleinen Hut und ähnliches. Auf dem Weg zum Hacke’schen Markt verschreckt der Assistent Frauen beim Vorbeigehen durch das Betätigen des Posthorns, löst damit aber keine Kontaktanbahnungsgespräche, sondern Befremden aus.

Nach der am Vorabend suboptimal verlaufenen Auswahl des Ausgeh- und Zielortes „Watergate“ habe ich Mr. M, als den hauptsächlich um Organisationsfragen besorgten Geschäftsführer in einer E-Mail auf die „Über-30“ Party aufmerksam gemacht, die an diesem Abend (Samstag, 1. Oktober 2011) im „Goya“ stattfindet. Dort taucht die Ausgehtruppe nach dem abendlichen Seminar relativ spät gegen 23:30 Uhr auf, nachdem gegen 20:30 Uhr das Seminar endete und in den üblichen ewig langen Ausgehvorbereitungen ausklang, die ich zum Rückzug in meine Wohnung nutzte. Einem deutschen Teilnehmer war es gelungen, die taxiversessenen Amerikaner zur Nutzung der U-Bahn zu bringen (vom Schlesischen Tor zum Nollendorfplatz). Wie ich später erfahre, ist die ausgegebene Parole der Truppe, mir als unterstützende Gruppe im „Goya“ Ansprechhilfe/Aufwind zu geben. Das etwas gehobenere Ambiente des Goya wird von den Ausgehexperten geschätzt, der höhere Altersdurchschnitt und die Hilflosigkeit des vorhandenen Publikums, miteinander ins Gespräch zu kommen, mit Mitleid aufgenommen. Es wuchern Spekulationen, warum dem so ist, sei es dass Geschiedene nach langer Beziehung dem Datingmarkt entzogen und seiner Mechanismen entwöhnt worden seien, sei es, dass die Anwesenden in ihrer Jugend nie durch Erziehung und z.B. väterliche Förderung gelernt hätten, als Frauen und Männer miteinander ins Gespräch zu kommen. Manche aus der Organisatorencrew sehen sich einer Inflation von von Frauen ausgehenden Submissionssignalen ausgesetzt und fühlen sich durch das eindeutig ‚zu einfache‘ Ambiente unterfordert und abgetörnt („there were many women desperate to be approached“).

Die räumlichen Verhältnisse im „Goya“ erregen eine gewisse Heiterkeit: vom Eingangsbereich der Treppen gelangt man auf eine überfüllte Großraum-Tanzfläche und gräbt sich einen Weg durch die Masse bis hinauf zur Bar, wobei fröhlich nach allen Seiten angemacht und „High Fives“ (Abklatschen mit der ganzen Hand) verteilt wird. An der über einen empore-artigen Treppenaufgang zu erreichenden Bar sprechen die Ausgehexperten auch prompt alle erreichbaren Frauen an und erzählen wilde Geschichten, die dazu dienen sollen, mich bei den Anwesenden einzuführen. So wird dem von mir um den Hals getragenen Emblem  schamanenhafte Wirkung zugeschrieben („er kann mit einem Blick in Deine Augen Deine Seele retten“) und ich wahlweise als Großvater eines jungen Teilnehmers bzw. als was auch immer dargestellt. Diese Einführungshilfe wird von mir abgelehnt und nicht genutzt, was zu einer Ermahnung durch Dr. P führt, man sei heute Abend nur hier um mir zu helfen. Er nimmt Bezug auf eine im abendlichen Seminar betonte Metapher, Delphine würden im Männer-Rudel zusammenarbeiten und ein noch unbeweibtes Mitglied in ihre Mitte nehmen, um so sexuelle Konkurrenten abzudrängen und ungestörte Kontaktaufnahme ihres geförderten Mitgliedes zu ermöglichen. Alternativ wird auch das Bild vom in Gemeinschaft jagenden Wolfsrudel bemüht und die solidarische Schicksalsgemeinschaft der Männer betont. Ich will mir aber von solchen Leuten nicht so helfen lassen.

Nachdem die mir zugedachte Entwicklungshilfe offensichtlich auf taube Ohren trifft, verteilt sich die Ausgehgruppe und arbeitet eine Reihe attraktiver Frauen auf, zu denen sie mit distanzloser Ansprache, zurückweisungsresistenter Frechheit und technisch ausgefeiltem Vorgehen auch wirklich in erstaunlichem Umfang kommunikativen Zugang finden. Allerdings wird es der Gruppenleitung in diesem leichten und spießigen Ambiente bald zu langweilig, darüber hinaus ist es sehr heiß und stickig. Die meisten verlassen daher gegen 01:00 Uhr das „Goya“ [ich ziehe mich bei der Gelegenheit zurück und fahre nach Hause] und begeben sich mit Taxen zum mittlerweile vertrauten „White Trash Fastfood“, wo der beim letzten Mal beim Weggehen mit Schmeicheleien gewogen gemachte Türsteher die Gruppe als alte Bekannte einlässt. Teilnehmer O, der sich am vorangegangenen Freitagabend mit einer weiblichen Bedienung für den darauffolgenden Montag verabredet hat, fühlt sich durch die Möglichkeit gehemmt, dass ihn die Frau am Sonntag Abend erneut kontaktsuchend im „White Trash Fastfood“ in Aktion sieht (was nicht geschieht, da die Bedienung an diesem Abend nicht im Lokal arbeitet).

Am dritten und letzten (Sonn-) Tag, geht die Exkursion gegen 15:00 Uhr am Paul-Lincke-Ufer 8 mit einem Seminar bzw. Auswertungsbesprechung des letzten Abends weiter. Sie wird überwiegend von den Assistenten bestritten, bis Dr. P gegen 17:00 Uhr einen abschließenden Theorieteil zu Beziehungsmanagement und Charakterreife-Indikatoren bei der Auswahl geeigneter Partner gibt. Bei einem Teilnehmer nutzt Dr. P dessen Problemdruck um über ca. 20 Minuten die Anti-Traumatisierungstechnik EMDR zu demonstrieren (http://de.wikipedia.org/wiki/EMDR ), die er allerdings nicht mit Augenbewegungen, sondern bei geschlossenen Augen des Patienten mit Klopfen abwechselnd auf den linken und rechten Handrücken des Patienten praktiziert. Er weist darauf hin, dass es sich dabei wie bei Hypnose nicht um eine selbständige Therapie, sondern um ein Werkzeug, eine Methode im Werkzeugkasten des Psychologen handle und setzt dabei auch hypnotische Aussagen zur Wirkungsweise des Demonstrierten ein („es wirkt nicht sofort, aber möglicherweise wirst Du in den kommenden Tagen eine ganz besondere Leichtigkeit in Deiner Brust spüren, die darauf hindeuten könnte, dass sich eine schwere Last von Deiner Seele gelöst hat“). Mithin streitet bei den offenbar therapieunerfahrenen Teilnehmern zumindest der Placebo-Effekt für die Wirksamkeit der demonstrierten, fremdartig anmutenden EMDR-Therapieform.

Gegen 20:00 Uhr beschließt Dr. P angesichts des bevorstehenden weiteren Feiertags in Deutschland am darauffolgenden Montag (3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit), nochmals in die Stadt essen und danach auszugehen, was wiederum durch längere Ausgehvorbereitungen im Basiscamp verzögert wird. Die Gruppe nimmt sich schließlich Taxis und besucht ein auf Touristen ausgerichtetes italienische Restaurant in der Nähe des Hacke’schen Marktes, dessen Adresse wiederum dem unvermeidlichen Touristen-Informationsblatt entnommen ist. Gegen 22:00 Uhr bricht die Gruppe ins weitere Nachtleben auf. Auf der Liste der Vorhaben steht das Konzert am Brandenburger Tor; darüber hinaus will sich Dr. P den Club „Berghain“ anzuschauen, wo es die ganze Nacht hindurch bis weit in den Montag hinein ein Konzert und weitere Festivitäten geben soll. Ich begleite die Gruppe auf ihrem weiteren Weg durchs Nachtleben nicht mehr, verabschiede und bedanke mich und fahre nach Hause.

Auf der ersten Berliner Exkursion von Dr. P stießen eine ganze Reihe einander fremder Welten aufeinander, thematisierten ihre gegenseitigen Vorbehalte _nicht_ und kamen für das Ausmaß, in dem sie sich fremd sind, erstaunlich gut miteinander aus. Dr. P und seine Assistenten sind einander durch ihre Mitgliedschaft in der pickup Community verbunden, in der Dr. P neben David D immer noch der seriöseste Anbieter sein dürfte. Die pickup Community ist vermutlich erst durch das Internet möglich geworden, die digital erleichterte Kommunikation bringt auch sehr kleine Interessengemeinschaften weltweit miteinander in Kontakt und hat zu einer erheblichen Professionalisierung der früher unter dem Stichwort „Flirtkurs“ eher zögerlichen und verklemmt angebotenen Beratung geführt. Die von Dr. P gebotene visuelle Vereinigungstheorie verbindet zahlreiche psychologische Modellvorstellungen zu einem vergleichsweise gut versteh- und handhabbaren Ganzen. Die PUA-Szene geht in der Orientierung an Bedürfnissen ihrer männlichen Zielgruppe und instrumenteller Zielorientierung einen Schritt weiter als das seit den 1970er und 1980er Jahre in den USA entstandene Neurolinguistische Programmieren (NLP), das bereits im Titel seine Entwickler charakterisiert (Computerprogramme gewöhnte Computerfreaks wie Richard Bandler, der diese Inhalte später stark mit hypnotischen Methoden der von Frank Farelli entwickelten provokativen Therapie ergänzt hat).

Die Wirksamkeit der von Dr. P gelehrten Methoden dürfte aber nicht primär auf den von ihm gelehrten psychologischen Modellvorstellungen beruhen, sondern auf einer konsequenten Selbst-Desensibilisierung. Wie in der Schauspielausbildung oder im Improvisationstheater programmiert sich der Spieler, hier auf clowneske Extrovertiertheit, bis er schwellenangstfrei auf jede attraktive Frau zugeht und sein Glück probiert. Diese Selbstprogrammierung wird mit Motiven des self improvement und persönlichen charakterlichen Wachstums verschönt. Zugleich wird eine männliche Bruderschaft gepflegt, die sich in gegenseitiger Hilfestellung mit dem ausdrücklichen Ziel der Kontaktaufnahme mit attraktiven Fremden ins Nachtleben begibt und auch in eher kommunikationsfeindlichen Umgebungen wie dem „White Trash Fastfood“ oder dem „Goya“ aufgrund ihrer Autoimmunisierung gegen das 08/15-Mehrheitsverhalten erstaunliche Kontaktaufnahmeerfolge erzielt. Unvermeidliche Nebenfolge eines derartigen distanzlosen auf-attraktive-Menschen-Zugehens ist, dass dieses Verhalten als peinlich, clownesk oder pfauenhaft (schließlich heißt es ja auch „peacocking“) empfunden werden kann und in einer Umgebung, in der man die Akteure aus sozialen Kontexten kennt, Probleme mit sich bringen würde.

Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht ist jedoch nicht nur im von Dr. P gelehrten Freistil möglich, sondern kann auch in Umgebungen mit sozial vorgegebenen helfenden Rollen und Verhaltensritualen gesucht und gefunden werden. Beispielsweise durch via Kleinanzeigen anberaumte blind dates, durch Tanzveranstaltungen mit gegenseitiger Aufforderung oder sonstige soziale Aktivitäten, bei denen man aus Anlass bestimmter gemeinsamer Tätigkeiten oder Interessen miteinander in Kontakt kommen kann. Die PUA Szene konzentriert sich auf das „Game“ (Vorgehensweise zur Kontaktanbahnung) und orientiert sich an der klassischen Beschreibung in einem Buch von Neil Strauss („The Game – Penetrating the Secret Society of Pickup Artists“ von 2005, auf Deutsch: „Die perfekte Masche“). Dr. P betont in Abgrenzung zu anderen PUA-Training Anbietern auf dem Markt, dass er nur mit dem Marktführer David D. geschäftliche Verbindungen unterhalte/zusammenarbeite, der wie er keine frauenverachtende Terminologie verwende. Er unterstreicht sein Alleinstellungsmerkmal wissenschaftlicher Fundierung; die anderen Anbieter würden ihre individuelle Eigenart verallgemeinern und zu einer Methode ausbauen, so dass deren Methoden für manche Teilnehmer/Ratsuchende geeignet sei, für viele, die den Anbietern zu unähnlich seien, aber nicht helfe.

Eine dem NLP abgeschaute Kerntechnik der Szene ist das Modellieren von „naturals“, d.h. Leuten, die von Natur aus einen erfolgreichen Umgang mit Frauen pflegen, und das Umsetzen mutmaßlicher Erfolgsfaktoren in beschreibbare Methoden, die wiederum nicht so Glücklichen und beim anderen Geschlecht nicht so Erfolgreichen gelehrt werden können. Wie im Improtheater geht es um das Ersetzen schwer veränderbarer Umstände (gutes Aussehen, Reichtum, Selbstbewusstsein) durch Verhalten, das diese nachgefragten Eigenschaften simuliert oder kompensiert (man muss nicht reich oder erfolgreich sein, wenn man so aufzutreten versteht). Aus kommerziellen Gründen lehren coole PUAs ihre Erkenntnisse chronisch erfolglosen bürgerlichen Kreisen, die meist aus dem Gelehrten wenig Nutzen ziehen können, aber immerhin zahlungswillig sind (und sei es auch nur, dass sie sich damit Hoffnung auf Veränderung kaufen). Viele tatsächlich wirkende Erfolgsfaktoren (selbstsicheres öffentliches Auftreten und Sozialverhalten) ließen sich durch Mitgliedschaft in einem Hobbyrednerverein wie Toastmasters oder Improtheater preisgünstiger lernen und üben.

Dr. P und seine Crew irritieren im Nahkontakt durch Eigenheiten wie feucht aussehende Haare (Gel?), Ringe an den Fingern und eine Vorliebe für pittoreske Accessoires. Beispielsweise irritierte Dr. P am letzten Tag mit einem Kleidungsstück, das aus einem Teil gefertigt ein aus der Hose hängendes Hemd mit einem grauen Pullover und einer darüber heraushängenden roten Kravatte simulierte. Dr. P hatte am 30. September Geburtstag (vermutlich wird er in den 40ern sein), verbrachte ihn aber nach eigenen Aussagen mit dem, was er am liebsten macht. Er hat nach wie vor einen daytime job und wird das letzte Quartal 2011 an der New Yorker Universität einen mühsameren als seinen jetzigen gutbezahlten, aber langweiligen Job ausüben (er benutzte dies als Beispiel für charakterbildende Maßnahmen). Seine Assistenten sind z.T. langjährige Freunde, die ihn seit 12 Jahren begleiten und ohne die er seine Lebensberatungs-Firma nicht gäbe.

 

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