Anonymität gegen soziale Kontrolle

In den derzeitigen Wahlkampfzeiten vor der Bundestagswahl im September 2013 vergnügt sich der SPIEGEL und die digital natives mit einer soliden Hysterie über die statistisch weitgehend irrelevante Möglichkeit, von US-amerikanischen Geheimdiensten gespeichert und analysiert zu werden.

Eine herzige Freizeitbeschäftigung ohne ernsthaften Hintergrund: dass jemand die eigene Kommunikation mithört, -sieht oder -liest ist als theoretische Möglichkeit nie auszuschließen. Trifft man Leute, die überzeugt davon sind abgehört bzw. überwacht zu werden, kann man normalerweise weder beweisen, dass sie es nicht werden, noch wie dass sie es werden. Sicher ist eigentlich nur eines: diese theoretische Möglichkeit hat keine Folgen. Denn fast niemand von uns bereitet zum Beispiel terroristische Attentate vor. Und Pornographiekonsum oder Urheberrechtsverletzungen spielen für US-amerikanische Geheimdienste keine Rolle. Mithin ist ernsthaft eigentlich keiner betroffen und hat ernsthafte Konsequenzen zu befürchten.

Lustigerweise befürchten jedoch digital natives überwertig „überwacht“ zu werden. Vielleicht übertragen sie ihre Besorgnis aus im Internet mehrheitsfähigem Pornographiekonsum und Urheberrechtsverletzung auf Terrorismussuche und wehren sich gegen letztere mit der emotionalen Betroffenheit der verfolgten Unschuld. Wobei meist noch der Begründungszusammenhang zitiert wird, dass der Staat ja wieder ein totalitäres Scheusal werden könne und man sich daher vorbeugend gegen Überwachung wende. Nach Nietzsche wiederholt sich die Geschichte, zunächst als Tragödie, danach als Komödie. Die nationalsozialistische Diktatur, die von keinem demokratischen Widerstand verhindert wurde, war dann die Tragödie. Und der heutige Widerstand gegen die ziemlich zahnlose Verwaltung einer Demokratie ist die Wiederholung als Komödie. Zahllose Resistence-Helden leisten nun risikolos den Widerstand gegen die deutsche Demokratie, den ihre Eltern gegen die Nazis nicht geleistet haben.

Und wenn die deutsche Verwaltung der Demokratie nun einmal gar nichts macht, gegen das es sich lohnen würde Widerstand zu leisten, dann wird sie eben der Mitwisserschaft und Komplizenschaft mit den US-amerikanischen Diensten bezichtigt und sind die gefühligen Betroffenen menschlich schwer von der deutschen Politik enttäuscht. Und werden Geheimnisse verratende Regierungsmitarbeiter wie Manning oder Snowden zu Helden hochstilisiert, denen für ihre heroische Untreue im Dienste der guten Sache (?) nichts geschehen dürfte (z.B. keine Strafverfolgung für Geheimnisverrat).

Wie sagt Obelix häufig so richtig: „Die spinnen, die digital natives!“

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